Heinz-Ulrich Nennen | www.nennen-online.de

ZeitGeister | Philosophische Praxis

Philosophie der Psyche

Category: Theographien

Über Wildheit und Schönheit

Ariadne reitet den Panther des Dionysos

Märchen, Mythen und Metaphern sind so etwas wie Algorithmen. Es ist daher nicht nur interessant, sondern hilfreich, sich je nach Fragestellung stets eingehender mit den einschlägig bekannten mythischen Figuren zu befassen.

So läßt sich genauer nachvollziehen, was im Zuge der Kulturgeschichte an Erfahrungen in die Mythen ›hineingeschrieben‹ worden ist, denn das läßt sich auch wieder ›herauslesen‹. — Darin liegt der eigentliche Hintersinn von Mythologie, es geht nämlich um mehr als erbauliche Geschichten.

Der Eingang ins Verstehen läßt sich finden, indem wir unter den vielen Mythen diejenigen auswählen, die vielversprechend erscheinen, weil ähnliche Probleme verhandelt werden. — Das ›passende‹ Narrativ einer mythischen Begebenheit wird dann ›übertragen‹ auf unseren Sachverhalt, über den wir die überzeitlichen Erfahrungen aufschließen sollten.

In diesem Fall scheint Ariadne hilfreich zu sein, weil sie sich generell mit Labyrinthen auskennt. Die Prinzessin von Kreta war Theseus dabei behilflich, sich im eigens für den stierköpfigen Minotaurus geschaffenen Labyrinth zu orientieren. Daß es sich beim Ariadnefaden aber um ein banales Wollknäuel gehandelt haben soll, ist nicht wirklich überzeugend. — Selbstverständlich steht es uns frei, im Zweifelsfall unzufrieden zu sein mit dem, was uns die kindsgerechten Lesarten bieten.

Die Mythen sind von einer Kultur auf die nächste übergegangen, so daß wir über viele Möglichkeiten verfügen, in den Feinheiten zwischen den Varianten genauer zu lesen, um den darin verborgenen Sinn herauszulesen: Ariadne ist Schülerin der Circe, die wiederum auf die Isis zurück geht, einer überaus mächtigen ägyptischen Göttin der Zauberkunst.

Wie Medea ist auch Ariadne bestens mit dem Zaubern vertraut, die Wege blockieren aber auch öffnen können. Dabei wird das Labyrinth bald zum Symbol für den Lebensweg, der oft in ausweglose Lagen führt aber nicht  wieder heraus. — Die eigentliche Bedeutung von Ariadne liegt also darin, Orientierung zu bieten, gerade auch in Konstellationen, die etwas von einem Labyrinth haben.

Der Zauber, mit dem Ariadne ganze Labyrinthe zu bewältigen hilft, liegt jedoch rätselhafterweise im Geheimnis von Schönheit. — Das Prinzip lautet: Bezähmung der Wildheit durch die Schönheit.

Auf diese geheimnisvolle Formel kommt der württembergische Bildhauer Johann Heinrich von Dannecker aufgrund seiner Studienreise nach Rom. Damit bringt er seine Inspiration auf den Begriff. — Der Geist seiner vorzeiten überaus populär gewordenen Skulptur: Ariadne auf dem Panther, entbirgt eine philosophische Spekulation von ganz besonderer Bedeutung.

Johann Heinrich von Dannecker, Ariadne auf dem Panther, 1803-1814, im Liebieghaus in Frankfurt am Main.

Der Panther ist das Wappentier für den Wein– und Rauschgott Dionysos, der im übrigen nicht nur der Vorläufer von Jesus Christus in vielen Aspekten seiner Symbolik ist, sondern der dabei auch noch tiefer blicken läßt in seine bipolare Psyche.

Dieser Gott der Ekstase hat selbst eine überaus komplizierte Vergangenheit, und die macht ihn zum Borderliner. Sobald er auch nur den geringsten Verdacht verspürt, er könnte eventuell auch nur schief angeschaut worden sein, greift er zu drakonischen, unerbittlichen und scheußlichen Racheakten, die völlig unverhältnismäßig sind.

Da wird dann das, was diese Skulptur zu sagen versteht, zur frohen Botschaft über die Potentiale einer notwendigen heiligen Handlung: Ariadne bewältigt das Wilde, Rohe und Unmenschliche solcher Rachsucht durch Schönheit! Dieser Gedanke ist vor allem philosophisch von derartiger Brisanz, so daß ich sagen würde, versuchen wir es doch! Immerhin hat sich bereits Hannah Arendt an diesem Projekt nicht ganz vergeblich versucht, eine Politische Theorie auf der Grundlage der Ästhetischen Urteilskraft zu entwickeln. — Wir sollten endlich wieder nach den Sternen greifen

Es gibt inzwischen hinreichende Anhaltspunkte für die Annahme, daß die Vernunft als Meisterin der Multiperspektivität mit Ästhetik vorgeht, wenn es gilt, in irgendeiner Angelegenheit ›das Ganze‹ zu verstehen. Erst dann kommen Dialoge und Diskurse wirklich zur Entfaltung, wenn alle, die nur Recht haben wollen, endlich ergriffen werden und sich zu fassen versuchen.

Es kann nämlich in der Ästhetischen Urteilskraft gar nicht mehr ums Rechthaben gehen. — Wir können nur noch an den Anderen appellieren, er möge doch auch so wie wir, etwas Bestimmtes so empfinden wie wir, um dann auf die tieferen Beweggründe zu sprechen zu kommen, die sich einstellen, wenn man es versteht, sich endlich für Höheres zu öffnen.

Im Mittelalter wurde die Höfische Gesellschaft auf ähnliche Weise geschaffen, als man die rauhbeinigen Warlords von Raubrittern auf ihren zugigen Burgen abbringen wollte, von ihrem lukrativen Tun und Treiben, nach eigenem Gesetz auf Beutezug zu gehen. — Sie wurden nachhaltig ›gezähmt‹ im Minnesang, also durch Schönheit. Für ihre Dame opferten sie ihre Wildheit, ihre Ungestümtheit und wohl auch einen nicht unbeträchtlichen Teil einer Männlichkeit, die inzwischen manchen Frauen bei Männern fehlt.

Es kommt darauf an, die Multiperspektivität mit allen ihren Zumutungen und Herausforderung zu würdigen in einer Welt, die immer mehr zum Amoklaufen neigt. — Irgendwas muß den ständig drohenden Irrsinn im Zaum halten. Und genau das macht sie, die Göttin der ästhetischen Urteilskraft: Ariadne.

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Die Schönheit der Seele

Psyche und Seele

Das Symposion ist schon weit fortgeschritten, als sich unerwartet ein illustrer Gast einstellt. Alkibiades, reichlich berauscht und gestützt auf zwei Flötenspielerinnen, begehrt Einlaß, was ihm selbstredend gewährt wird. — Und wie es in solchen Situationen häufig so ist, läßt er sich kurz erläutern, daß man sich nicht zum Zechen, sondern zu einem weiteren Dichterwettstreit zusammengefunden haben. Es gelte, ein Loblied auf den Gott der Liebe, auf Eros aufzuführen.

Anselm Feuerbach: Das Gastmahl. Nach Platon (zweite Fassung: 1871). — Im Mittelpunkt steht der Gastgeber Agathon, geschmückt mit dem Lorbeerkranz, weil er den Dichterwettstreit gewonnen hat. In der rechte Bildhälfte, mit dem Gesicht vom Geschehen abgewandt, vollkommen in sich versunken, sieht man auch Sokrates. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Wer so spektakulär auftritt, steht ohnehin im Mittelpunkt. Also legt der später nicht unumstrittene Machtpolitiker einstweilen los mit seinem Lobgesang auf den Gott der Liebe. Er läßt sich nieder und erzählt von einer ungeheuren Liebe, der er verfallen sei, die ihm aber unerfüllt blieb. Dabei sei die Verführung bestens vorbereitet worden. Er habe die Diener weggeschickt, die Bettdecken bis auf eine reduziert, so daß man einander zwangsläufig habe näherkommen müssen, und dennoch habe er kein Glück damit gehabt. — Dabei sei doch die Person, um die es ging, rein äußerlich nicht nur nicht schön, sondern eigentlich häßlich, wäre da nicht diese Schönheit der Seele, die von innen her kommt.

Platon ist ein Schalk, wenn er dem überschwenglichen Alkibiades erst in diesem Augenblick erlaubt, sich der anderen Seite hinzuwenden, um dann unmittelbar neben sich jenen zu erblicken, um den es ihm in allen seinen Liebesbekundungen die ganz Zeit geht: Sokrates. Dieser hatte zuvor seine Lobrede auf den Gott der Liebe gehalten, aber durch die Wiedergabe eines wegweisenden Dialogs über die Liebe, mit einer Lehrerin namens Diotima. — Diese prägende Unterweisung hat er in jungen Jahren erfahren. Die weise Frau aus Mantineia in Arkadien muß
ihn sehr beeindruckt haben.

Josef Simmler: Diotima. Porträt der Jadwiga Luszczewska (1855). — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Erneut geht es, wie bereits im Höhlengleichnis oder beim Seelengespann um einen Aufstieg, nunmehr aber in der Liebe.—Diotima empfiehlt eine Orientierung am Begehren des Schönen, wobei nicht typischerweise die Erotik schlecht geredet und dann ausgegrenzt wird. Vielmehr wird zugestanden, daß diese Form der Liebe zum Schönen den Anfang macht.

Insofern ist die Rede von ›platonischer Liebe‹ als einer ohne Begehren philosophisch nicht berechtigt, weil ausdrücklich jede Form der Liebe zugelassen wird. — Sie sei ein ›heiliger Wahn‹, der von sich aus über sich selbst hinaus in transzendente Höhe führen werde, wenn sich dem nichts entgegengestellt. Den Anfang macht das erotische Begehren und die Fixierung auf äußere und individuelle Schönheit, dann aber erweitert sich diese Liebe zur Schönheit und wandelt sich zur Freude an der Schönheit der Liebe. Allmählich wird man mehr die innere und universelle Schönheit schätzen lernen, was sich schließlich auf den ganzen Kosmos erweitern kann.

Damit hat die Schönheit einen bedeutenden Rang erhalten, der kaum mehr übertroffen werden kann. Und tatsächlich gibt es einige Hinweise, die Anlaß geben können, darüber zu spekulieren, ob womöglich diese ›innere‹ Schönheit
nicht tatsächlich dem Absoluten noch am allernächsten kommen kann.

Auch über die Vernunft läßt sich gleichermaßen spekulieren, daß sie, wenn sie damit betraut ist, ein Ganzes als solches vor Augen zu führen, sich dabei stets auf die Perspektiven der Ästhetik und der ästhetischen Urteilskraft zu stützen versteht. Das Interessante daran liegt darin, daß beim Empfinden von Schönheit nur noch plädiert aber nicht mehr argumentiert und schon gar nicht mehr bewiesen werden kann.—Das wiederum hat Hannah Arendt zu einem bemerkenswerten Experimentieren motiviert, eine Politische Theorie auf der Grundlage der Ästhetischen Urteilskraft zu entwickeln.

Kristian Zahrtmann: Sokrates und Alkibiades (1911). — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Damit ist ein tiefes Geheimnis angesprochen, es geht darum, daß wahre Schönheit von innen herkommt, von der Schönheit der Seele. — Und wie sich den begehrlich Vorwürfen des Alkibiades dem Sokrates entnehmen läßt, ist der Politiker in seinen Besitzansprüchen und seinen Eifersüchteleien eben weit weniger an wahrer Liebe interessiert, sondern vielmehr an seiner eigenen Eitelkeit. Er wird damit zu einem mustergültigen Beispiel, wie man es besser nicht halten sollte, mit der Liebe.

Hier läßt sich der Faden aufnehmen, um zu untersuchen und zu verstehen, wie denn der Zusammenhang zwischen Seele und Psyche beschaffen sein mag. Vor allem interessiert eines: Die zunehmenden Depressionen mögen auch als Hinweis genommen werden, daß wir uns viel zu sehr mit der Psyche, aber viel zu wenig mit der Seele befassen.

Es ist an der Zeit, manche Begriffe endlich auch allgemeinsprachlich wieder in Gebrauch zu nehmen, die allenfalls noch von Theologen bemüht werden, die daher in diesen Sachen über das bessere Artikulationsvermögen verfügen. — Wir sollten nicht mehr nur vom Körper , sondern auch vom Leib sprechen, was nicht dasselbe ist. Wir sollten nicht mehr nur von der Psyche, sondern auch von der Seele reden. Wir sollten nicht mehr nur von Rationalität, sondern auch von Vernunft sprechen. Und wir sollten nicht mehr nur Rationalität, Verstand und Vernunft bemühen, sondern auch, was nicht leicht faßbar ist, den Geist.

Psyche und Seele

Nur bei oberflächlicher Betrachtung scheinen Psyche und Seele dasselbe zu meinen. Während die Seele häufig in religiösen, meditativen und esoterischen Kontexte thematisiert wird, erscheint die Psyche inzwischen eher wie ein Part of the game mit alltäglichen Belangen. — Und mögen wir noch so verheißungsvoll von unserem vermeintlichen Inneren sprechen, die Psyche ist nicht selten auch nur ein Spiel mit der Alltagsmaske.

Es scheint, als habe die Psyche viel weniger von jener Tiefe, wie sie der Seele zugesprochen wird. Die Psyche ist offenbar sehr viel jüngeren Datums und damit auch ein Spiegel narzißtischer, selbstbezüglicher und materialistischer Belange, von denen sich viele versprechen, große Sehnsüchte zu stillen. Es sin Illusionen, die durch Konsumismus nicht bewältigt werden können.

Vordergründig wirkt die Psyche als besonderer Teil unserer Seele, den wir uns über uns selbst bewußt machen möchten. — Das Gerede von der ›Suche nach dem wahren Selbst‹ kann die Sehnsucht nicht stillen, denn die Psyche ist selbst ein Teil des Theaters, das wir uns und anderen vorspielen. Ist die Theatermaske erst einmal mit dem eigenen Gesicht und den üblichen Oberflächlichkeiten fest verwachsen, dann kann auch kein Ausdruck von Tiefe mehr aufkommen, denn damit gehen auch Empathie und Authentizität verloren.

Der Geist der Narrative

Zugang zu den Tiefen in uns hat nur der Geist, der in den Narrativen wohnt.  Es kommt darauf an, mit Feingefühl die eigene Geschichte in tiefgründigen Dialogen ganz allmählich bewußt werden zu lassen. — Um Freundschaft mit sich selbst zu schließen, sollte man sich einstweilen näher kennenlernen. Dann kann man mithilfe der Philosophischen Psychologie noch einige wesentliche Schritte darüber hinaus gehen.

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Schuld.

Johann Heinrich Füssli: Lady Macbeth, schlafwandelnd, (um 1783). — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Eine mächtige Kategorie

Gewissensbisse, die zum Wahnsinn führen

Der Dichter und Maler Johann Heinrich Füssli war derart fasziniert von den Werken des William Shakespeare, so daß er sich schon in jungen Jahren an Übersetzungen versuchte. — Als Maler schuf er einen ganzen Bilder–Zyklus mit berühmten Szenen, in denen die phantastische Stimmung eingefangen ist.

So inszenierte er auch die dramatische Szene: Lady Macbeth V,1 von William Shakespeare. Die tragische Heldin wird von Alpträumen geplagt und findet einfach keine Ruhe mehr. Sie träumt mit offenen Augen und beginnt zu schlafwandeln. — Und es scheint, als wollte sie sämtliche Plagegeister vertreiben, die Zeugen ihrer Untaten, von denen sie verfolgt und um den Schlaf gebracht wird.

Die Szenerie führt das schlechte Gewissen der Lady Macbeth vor Augen. — Ihr Mann war zunächst dem König treuergeben. Aber drei Hexen prophezeien ihm, selbst zum König zu werden. Um dem verheißenen Schicksal nun aufzuhelfen, schrecken Macbeth und seine Lady selbst vor einem heimtückischen Königsmord nicht zurück.

Beide sind von blindem Ehrgeiz getrieben und verlieren im Verlauf der Ereignisse aufgrund ihrer Verbrechen zuerst ihre Menschlichkeit, dann ihr Glück und schließlich auch noch den Verstand, von ihrem Seelenheil ganz zu schweigen. — Dabei wirkt die Frau skrupelloser als der Mann. Ähnlich wie auch die Medea, setzt eine sehr viel entschiedenere Frau wirklich alles aufs Spiel, während der Mann eher zaghaft erscheint. Dahinter dürfte die Problematik stehen, daß Frauen lange Zeit nicht direkt aufsteigen konnten, nur über ihre Rolle als Ehefrau und Mutter.

 

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Es kommt im Akt V zu der im Bild von Füssli dargestellten Szene. Während sich Macbeth auf Burg Dunsinane mehr und mehr zum verbitterten, unglücklichen Tyrannen wandelt, wird Lady Macbeth immer heftiger von Gewissensbissen geplagt, denn die Schuld am Mord von King Duncan ist ungesühnt. — Alpträume kommen auf, sie beginnt im Schlaf zu wandeln und die Phantasie nimmt Überhand, bis sie schließlich den Verstand verliert und sich das Leben nimmt.

Das Gefühl, sich womöglich gleich am ganzen Kosmos versündigt zu haben, durch eine Freveltat, dürfte sehr früh aufgekommen sein. Es gibt viele Beispiele dafür, daß durch ein Sakrileg eine ›heilige Ordnung‹ gestört wird, was nicht so bleiben kann. — Beispiele sind Sisyphos, ein Trickster, der nicht sterben will und den Tod immer wieder hinters Licht führt, oder Ixion, der erstmals einen Mord an einem Verwandten beging.

Es gibt eine Klasse von Mythen, die sich als Urzeitmythen klassifizieren lassen. Väter verschlingen ihre Kinder, die Welt bleibt im Chaos, sie gewinnt gar keine Gestalt. Titanen herrschen, wobei der Eindruck entsteht, als wären sie die Verkörperung jener Geister, mit denen die Schamanen der Vorzeit noch umgehen konnten. — Die klassischen Mythen sind insofern auch ein Spiegel der Zivilisation, weil sie die angeblich barbarischen Zeiten zuvor als absolut brutal in Szene setzen.

Erynnien, Furien, Rachegötter und Plagegeister

Francisco de Goya: Saturn verschlingt seinen Sohn (1820f). — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Das sind auch Ammenmärchen der Zivilisation, die Rede ist dann von finsteren Zeiten. Zugleich setzen sich Mythen damit als Aufklärung in Szene, schließlich künden sie von der Überwindung dieser Schrecklichkeiten. Nicht nur der technische, zivilisatorische Fortschritt spielt bei alledem eine beträchtliche Rolle, sondern auch die Psychogenese. — Vermutlich kommt Individualismus erst allmählich auf, ebenso wie das Bedürfnis, sich selbst zu beobachten.

Die klassischen Mythen inszenieren nicht nur das Sakrileg, sie errichten zugleich auch die Tabus dagegen, indem man die Ereignisse in eine viel frühere Urzeit abschiebt und zugleich demonstriert, wie entsetzlich die Folgen möglicher Tabubrüche tatsächlich sind.

Wenn etwas Ungeheuerliches geschehen ist, dann treten bald schon Ungeheuer auf den Plan. Als würde die Welt selbst darum ringen, in den Zustand der ›vormaligen Harmonie‹ wieder zurückzukehren. — Aber irgendwie muß das Vergehen gesühnt werden. Es muß erst wieder aus der Welt geschafft werden durch Buße, weil erst dann die ›heilige Ordnung‹ wieder hergestellt werden kann.

Zugleich sind die Götter selbst im Prozeß der Theogenese. Eine Götterdynastie folgt auf die nächste. — Interessant sind die Reflektionen darüber. So hat Kronos durch fortgesetzte Kindstötung der Gaia vorenthalten, was Mütter wollen, die Kinder aufwachsen sehen.

Der Mythos schildert in dieser Vorstufe einen Zustand, in dem nicht wirklich Entwicklung statthaben konnte. — Erst in der Ära von Zeus wird die Welt auf die Menschheit zentriert. Dann treten die glücklichen Götter Athens sogar freiwillig zurück, um im Zuge des Prometheus–Projektes der Menschheit die Welt zu überlassen.

Die Entstehung des Gewissens

François Chifflart: Das Gewissen. 1877, Maisons de Victor Hugo, Paris. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Es ist vermutlich der aus Ägypten durch den Tempelpriester Moses beim Auszug der Juden mit auf den Exodus genommene monotheistische Gott, der bereits bei den Ägyptern mit einem allsehenden Auge symbolisiert wurde. Auch die Idee vom Jenseitsgericht stammt aus Ägypten, was zur bemerkenswerten Tradition der Ägyptischen Totenbücher geführt hat, das Leben als Vorbereitung auf den Tod zu betrachten.

 

Mit der Bedrohung durch das Jüngste Gericht des Lebens kommt eine Psychogenese in Gang, die eine systematische Selbstbeobachtung erforderlich macht. — Wenn ein allgegenwärtiger und allwissender Gott ohnehin alles ›sieht‹, so daß man ihm nichts verbergen kann, dann scheint es angeraten zu sein, sich ein Gewissen zuzulegen, um sich genau zu beobachten und ggf. zu kontrollieren.

Dementsprechend ist Kain auf der Flucht vor dem ›allsehenden Auge‹, weil er ›vergessen‹ hat, sich beizeiten ein Gewissen zu ›machen‹. — Das ist aber nur eine, noch dazu weniger anspruchsvolle Deutung des vermeintlichen Brudermords. Aus Gründen der Ethnologie können Ackerbauern und Hirten keine ›Brüder‹ sein. Offenbar hat sich der hier verehrte Gott, der das Opfer des Bauern ›ablehnt‹, noch nicht damit arrangiert, daß die Tieropfer seltener und die Opfer von Getreide und Früchten zunehmen werden.

Kain auf der Flucht

Erst mit der Urbanisierung erhält der Prozeß der Zivilisation seine entscheidende Dynamik. Der alles entscheidende Impuls geht mit dieser Gottesidee einher, mit der ganz allmählich aufkommenden Vorstellung eines Gottes, der alles ›sieht‹. — Dementsprechend illustriert Fernand Cormon die Flucht des Kain unmittelbar nach der Tat. Das Werk ist durch Victor Hugo inspiriert und schildert die Szene auf groteske Weise.

Der Plot selbst ist zutiefst paradox: Kain ist Bauer. Er lebt von den Früchten der Erde, fürchtet sich jedoch schrecklich vor dem neuen transzendenten Gott, der im Himmel über den Wolken schwebt und der alles ›sieht‹. — Er verliert im Opferwettstreit, erschlägt seinen Kontrahenten, ist aber von diesem missionarischen Hirten offenbar längst bekehrt worden, denn er fürchtet sich fortan wie wahnsinnig vor diesem Gott. Darauf beginnt er eine halsbrecherische Flucht, um sich dem allsehenden, allwissenden, allgegenwärtigen Auge dieses Gottes doch noch zu entziehen.

Fernand Cormon: Kain. 1880, Musèe d’Orsay, Paris. — Quelle: Public Do- main via Wikimedia.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Mangel an Denken, Geist und Kultur

Über Traumata, die aus ganz anderen Zeiten stammen

„Weil Harald Schmidt seinen Impfstatus offenlässt, wird gemutmaßt, daß er ein Corona-Leugner sei.“, konstatiert RND, das Redaktionsnetzwerk Deutschland, geflissentlich darum bemüht, blitzgescheit zu wirken. 
Geht es noch? So einfach ist also inzwischen die Mainstream-Logik geworden. – Ist er getauft und ein „Kind Gottes“ oder verweigert er den Glauben an die Lehre der heiligen Mutter Kirche, daß nur die „Taufe“ gegen die Versuchungen des Teufels Corona immun macht?

Diese verschwurbelte Logik geht zurück auf ein uraltes religiöses Trauma, das über Generationen geschlummert hat im Unbewußten derer, die wenig oder gar nicht über die Tiefen der eigenen Seele nachdenken. – Die Kirche hat über Jahrhunderte die Menschen eingeschüchtert und in psychotische Angstzustände versetzt, so daß viele wirklich krank daran wurden, gegen Gott gesündigt zu haben.

Hieronymus Bosch: Der Garten der Lüste, Ausschnitt (1480ff).

Eine besondere Rolle dabei spielten hochtraumatisierte Mütter, wie die von Augustinus, Albrecht Dürer, Immanuel Kant oder auch Max Weber und viele andere Geistesgrößen mehr, von denen unbekannten Namens mal zu schweigen, obwohl doch diese sich gerade mangels Intellekt noch am wenigsten zur Wehr setzen konnten. – Die Folgen sind Depressionen, Schuldgefühle, Melancholie und das Gefühl, nicht würdig zu sein, überhaupt nicht würdig. 

Eine Politik der Angst muß nicht unbedingt mit äußerlicher, also militärischer, polizeilicher, psychiatrischer, sozialarbeiterischer oder pädagogischer Mißhandlung einhergehen. Es genügt auch eine Bedrohung von Seele und Leib durch elementare Ängste, um Menschen gefügig zu machen und in Lämmer zu verwandeln, die sich von den selbsternannten Hirten bewachen und führen lassen. –  Die christliche Missionierung der Kelten war auch erst erfolgreich, als man ihnen die Übel der Hölle vor Augen führte.
Ähnlich verhielt es sich auch mit den unethischen Fernseh-Bildern aus Bergamo. Über Nacht war ein Großteil des Mainstreams „überzeugt“. Dabei waren sie nur eingeschüchtert und total verängstigt, weil da uralte Ängste heraufbeschworen wurden. – Ich will das hier nicht weiter ausführen. Es findet sich alles in meinem Buch über die philosophischen Hintergründe und Abgründe der Corona-Krise, das ich in einigen Wochen erscheinen lassen werde.
Heinz-Ulrich Nennen: Philosophie in Echtzeit: Der Corona-Diskurs als Katharsis. Panik, Absturz, Krise und Transformation; (ZeitGeister 4), Hamburg 2022.
Dabei wissen wir doch eigentlich inzwischen, daß einer ein Mensch sein kann, sogar ein guter Mensch, der nicht getauft ist. – Und, die Erkenntnis des Tages: Es ist sogar auch möglich, die „Existenz“ von Corona NICHT in Zweifel zu ziehen und dennoch kein Vertrauen zu haben, in die Impfpropheten dieser Tage. – Die Impfgläubigen begehen einen Fehler, wenn sie nicht den „ganzen Menschen“ sehen, der eben mehr ist als die Summe seiner Organe im biologischen Sinne.

Eines der Motive, sich nicht impfen zu lassen, liegt auch darin, einen individuellen seelisch-leiblichen Widerstand zu empfinden. Wer sich bisher nie gegen die neuesten Grippeviren hat impfen lassen, vielleicht gerade aufgrund von mangelndem Vertrauen in diese unsere viel zu käuflichen Wissenschaften, wird auch bei der Corona-Impfung, nach allem, was inzwischen bekannt wird, sich bestärkt fühlen in der eigenen Skepsis. Und viele werden sich ganz gewiß nicht einer Zwangstaufe beugen.

Das mag in den Ohren derer, die an die Naturwissenschaften „glauben“ und das dann auch noch für die ganze Wissenschaft halten, „esoterisch“ klingen. – Dabei ist es nur der Wunsch und Wille auf „Ganzheitlichkeit“. Wir haben nicht nur Körper und Psyche, sondern auch Leib und Seele. Wir haben mit der Entzauberung der Welt den Zugang zu vielem verloren, was andere Kulturen noch hatten, so etwas wie das Gefühl einer kosmischen Geborgenheit. 
Die transzendentale Obdachlosigkeit führte im 19. Jahrhundert zum Nihilismus, eine der gefährlichsten Demütigungen, die dann zu vielen Verzweiflungstaten führt. Das zu leugnen, daß wir auch Wesen sind, mit großen transzendentalen Wünschen, ist die Schwäche der szientistischen Konfession. Es ist ein haltloser, substanzloser, absolut inhaltsleerer Glaube daran, daß die Banalisierung von allem, was mal heilig war, der Wissenschaft letzter Schluß sein soll.
Insofern paßt auch die Corona-Politik in diese Weltanschauung, wenn man sich vor Augen führt, was alles geopfert wurde, wie etwa das Seelenheil von Kindern und Jugendlichen, die Grundrechte, die Freiheit und vor allem die Fähigkeiten zur Selbstverantwortung. Man hat sofort die Entmündigung betrieben und ein dementsprechend geistloses, antihumanes, pädagogisch gestriges Menschenbild in Kraft gesetzt, nur, um zu herrschen. – Geist paßt nicht in die bornierte Weltanschauung szientistischer Naturalisten, die von Kultur überhaupt nichts verstehen und daher meinen, das kann alles weg, wo wir doch jetzt alle Corona haben und der Versucher unter uns weilt.
Daß dabei große Teile der Presse wie Inquisitoren auftreten, ist ein ganz böses Omen – für die Presse selbst. Sie werden damit nicht punkten, stattdessen wird der schon vor Jahrzehnten von Jürgen Habermas in seiner Habilitation diagnostizierte „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ jetzt geradezu „geboostert“. Die Qualität der Diskurse im Internet steigt rapide, man empfindet es als Erholung, endlich nicht mehr belehrt oder umerzogen zu werden von einer Presse, die sich selbst in ihrer Funktion mißversteht.
Da lobe ich mir die Nachrichten im Fernsehen von „Welt“. Das geht so: „Sack Reis in China umgekippt. Rußland macht die USA verantwortlich, die EU schweigt.“ – So möchte ich es. Selig die Zeiten, als es Beschwerden gab, wenn der Nachrichtenspreche Köpke die Nase verzog, vielleicht weil sie kribbelte und viele sich sofort beschwerten.
Es ist verständlich, daß die  bisherigen Medien eine Heidenangst haben vor dem Internet und was es ermöglicht an einer noch weiter sich ausdifferenzierenden Öffentlichkeit. Darüber zu spekulieren, müßte eigentlich dazu führen, daß nur Qualitätsmedien auf der einen und der Boulevard auf der anderen Seite werden überhaupt überleben können.
Da aber ganz offenbar fast allenthalben die Qualität sinkt und immer weniger Diskurs stattfindet, sondern Wertung, Verunglimpfung, Hypermoral und Erziehung, wird sich das, was bisher etabliert war, immer weiter selbst schädigen. – Auch die  bisherige „repräsentative Demokratie“ wird in the long run ganz allmählich obsolet, denn wir leben nicht mehr im Postkutschenzeitalter. Es braucht keine Repräsentanten mehr, die für die sprechen sollen, die selbst die richtigen Worte nicht finden. Denn im Internet nimmt das sprachliche Differenzierungsvermögen, die Dialog- und Diskursfähigkeit ganz rapide zu.

Und natürlich wird es Wettkämpfe in Hate speech geben, bis alles raus ist und wirklich nichts mehr einfällt. Im Jargon der Diplomaten sind das „Anpassungsschwierigkeiten“. – Der Popanz, der da aufgebaut wird, von wegen es drohe Gefahr von Rechts, ist im eigenen Interesse maßlos übertreiben. Es gab immer diese unterirdischen Stammtischparolen, sie sind nur zu anderen Zeiten nicht publik geworden. Und jetzt meinen alle, denen es in den Kram paßt, da würde sich eine neue „rechte“ Gefahr auftürmen, für alle, die sich nicht führen lassen, sondern sich selbst orientieren wollen. Und dann wird alles in einen Topf geworfen: Ungeimpft, Coronaleugner, Wissenschaftsfeind, Antidemokrat, Antisemit, rechtsradikal, Verfassungsfeind.

Was, wenn auf den Montags-Demos so allmählich auch FDP-Wähler auftreten? Was, wenn ein kleiner Regelbruch nun einmal dazu gehört, zu einer Demonstration. Wenn das als Spaziergang verkauft wird, dann sollte es auch ein ebensolcher bleiben. Das ist Kultur und die Polizei sollte gute Miene machen. – Aber vielleicht sind ja auch manche an einer Eskalation interessiert?
Und was die Causa Harald Schmidt anbelangt, so bereitet es mir ein großes Vergnügen, wie er alle an der Nase herumführt, die nicht nachdenken. – Man sollte wissen, daß er, worüber er sich selbst in einer Sendung einmal köstlich amüsant geäußert hat, ein Hypochonder ist. 
Da ist dann dieses Intimverhältnis zwischen Leib und Seele derart aktiv, so daß man nur die Wahl hat zwischen Skylla und Charybdis, Pest oder Cholera.
Man erkrankt also entweder an Corona oder an der Impfung. Es gibt aber noch ein Drittes: Man geht auf Distanz, ganz konsequent, und das macht er. Wo das Problem liegt? Im Mangel an Denken, an Geist, an Kultur.

Ist die Aufklärung gescheitert?

Es läßt sich stets konstatieren, alles sei gescheitert.
Aber wer sind wir, wenn wir glaubten, das feststellen zu können und dann auch noch ein für alle Male und für immer? Wie absolut soll so ein Befund gelten, ungefähr solange wie der Zorn oberster Götter, wenn sie Sintfluten schicken und danach ihren kindlichen Jähzorn ablegen? Ja, auch Götter haben ihre Entwicklungsphasen.

William Turner: Der Brand des Parlamentsgebäudes in London 1835.

Mit der Aufklärung verhält es sich wie mit dem aufrechten Gang. Es bereitet Rückenschmerzen, erschwert die Geburt, weil das Becken zu eng wird. Aber, es werden die Hände frei als universelle Werkzeuge. Seither können wir Sachen be-greifen.

Aber die Sprache ist das Werkzeug aller Werkzeuge. Es kommt also darauf an, die richtigen Worte zu kreieren. Es gibt vieles in der Welt, von denen wir die Worte nicht einmal ahnen. – Solange aber etwas nicht gesagt und auch noch nicht von mindestens einem Menschen verstanden worden ist, hat der Geist der Menschheit noch erhebliche Lücke genau dort, wo dieses Phänomen eigentlich hingehört, wenn man es „einordnen“ könnte.

Aufklärung ist wie Laufen, was bedeutet, es wird ständig die Balance aufgegeben. Man destabilisiert die Stellung, neigt sich, stürzt nach vorn und fängt sich dann durch den nächsten Schritt wieder auf. – Nicht anders verhält es sich mit der Psychogenese. Wir sind wie die Kinder uns selbst immer einen Schritt voraus, einen Schritt mehr, als wir beherrschen, verantworten, verstehen können.
So ähnlich vollzieht sich die ganze Menschheitsentwicklung und die Suche nach der Antwort auf die Frage, was denn die ganze Anthropogenese eigentlich soll. – Aber Philosophen arbeiten nicht gern mit Hypothesen wie die vom intelligenten Designer, also rufen sie die Anthropologie zum Zwecke der universellen Beratung.
Die anspruchsvollste Hypothese dabei, Entwicklung zu denken, ist die Annahme, alles hätte sich allmählich entwickelt ohne intelligenten Designer oder sonstwas. Eine der größten intellektuellen Herausforderungen liegt tatsächlich im Nihilismus. Dazu müßte man sich dann aber auch der Herausforderung stellen, einfach zuzugeben, daß der „Sinn des Ganzen“ immer nur von uns selbst kommen kann.
Wir müssen ihn uns also selbst geben und wir sind dann auch völlig frei, uns jeden beliebigen Sinn zu geben. Und das „Ziel“, also dieser „geheime Plan“, den die Natur – nur hypothetische – mit dem Menschheitsprojekt verfolgt, liegt darin, daß die Natur sich selbst in den Blick nehmen möchte. Aber dazu muß sich das Wesen, das diese Aufgabe leisten soll, erst selbst in den Blick bekommen. Und da gibt es noch sehr viel menschliches Potential zu entfalten, im Guten wie im Bösen, im Vernünftigen wie auch in der Dummheit.
Und jeder neue Schritt im Zuge der Aufklärung bringt nicht nur neue Verunsicherungen mit sich, sondern zunächst immer erst einmal einen neuen Aberglauben. In solchen Zeiten leben ganz offenbar alle stets daneben. Und nur der Phänomenologe bleibt in Sichtweite und auf Abstand zum Schiffbruch, der ja nun den obligatorischen Zuschauer braucht.
Eine Maxime lautet: Wer heilt, hat Recht! – Dieser Tage möchte man fast glauben, es gelte eine neue Maxime: Wer Angst kommuniziert, hat Recht.
Davor, genau davor hat uns der heilige Niklas (Luhmann) immer gewarnt, vor „Entdifferenzierung“.
Der Spruch „Werdet wie die Kinder“, ist schließlich auch keine Aufforderung zur heiligen Einfalt, gemeint ist tatsächlich eine unvoreingenommene Offenheit, wie sie fast nur Kinder zustande bringen, mit Ausnahme von Phänomenologen versteht sich.

Philosophische Ambulanz

Philosophische Ambulanz

SS 2021 | freitags | 12:00-13:30 Uhr | Raum: online

Beginn: 23. April 2021 | Ende: 23. Juli 2021

Zum Kommentar als PDF

Ferdinand Bart: Der Zauberlehrling, (1882). Zeichnung aus dem Buch Goethe’s Werke, 1882. — Quelle: Public Domain via Wikimedia

Und sie laufen! Naß und nässer
Wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! —
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.
»In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid’s gewesen.
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister.

(Goethe: Der Zauberlehrling)

 

In der Philosophischen Ambulanz kommt die Philosophie wieder zurück auf den Marktplatz, wo Sokrates seine Dispute führte, immer auf der Suche nach einer Philosophie, die es besser aufnehmen kann mit der Wirklichkeit. In den Dialogen und Diskursen der Philosophischen Ambulanz soll es darum gehen, in gemeinsamen Gedankengängen die besseren, höheren und tieferen Einsichten zu gewinnen.

Verstehen ist Erfahrungssache, Verständigung ist eine Frage der Übung. Oft herrschen aber falsche Vorstellungen vor: Gemeinsames Verstehen entsteht im Dialog und in Diskursen, bei denen es nicht vorrangig um Meinungsäußerungen und Stellungnahmen geht. Es kommt auch nicht darauf an, Recht zu behalten, sich zu behaupten oder etwa vermeintliche ›Gegner‹ mundtot zu machen. — Gewalt entsteht, wo Worte versagen, wenn nicht gesagt und verstanden werden kann, was einem wirklich am Herzen liegt.

Es kommt viel mehr darauf an, im gemeinsamen Verstehen weiterzukommen, so daß sich die Diskurse anreichern und ihre Sukzession, also einen Fortschritt erreichen. Daher ist es so wichtig, gerade im Konflikt aus einem Dissens heraus wie der zu neuem Einvernehmen zu finden. Erst das macht uns zu mündigen Zeitgenossen, wenn wir auch über die eigene Stellungnahme noch frei verfügen können. — Zu Philosophieren bedeutet, Widersprüche und Ambivalenzen nicht schleunigst aufzulösen, weil sie anstrengend sind. Vielmehr gilt es, das Denken selbst in der Schwebe zu halten. Der Weg ist das Ziel, gerade auch beim Philosophieren.

Es gilt, nicht nur die üblichen Standpunkte zu vertreten, sondern neue und gänzlich unbekannte Perspektiven zu erproben. Daher ist der Positionswechsel von so eminenter Bedeutung. Genau das ist ›Bildung‹, den Standort der Betrachtung wechseln, um eine Stellungnahme ggf. auch aus einer beliebigen anderen Perspektive vornehmen, kommentieren und beurteilen zu können.

Verstehen ist Erfahrungssache

Im Philosophischen Café kommt die Philosophie wieder zurück auf den Marktplatz, wo Sokrates seine Dispute führte, immer auf der Suche nach einer Philosophie, die es besser aufnehmen kann mit der Wirklichkeit. In den Dialogen und Diskursen der Philosophischen Ambulanz soll es darum gehen, in gemeinsamen Gedankengängen die besseren, höheren und tieferen Einsichten zu gewinnen.

Verstehen ist Erfahrungssache, Verständigung ist eine Frage der Übung. Oft herrschen aber falsche Vorstellungen vor: Gemeinsames Verstehen entsteht im Dialog und in Diskursen, bei denen es um nicht vorrangig um Meinungsäußerungen und Stellungnahmen geht. Es kommt auch nicht darauf an, Recht zu behalten, sich zu behaupten oder etwa vermeintliche ›Gegner‹ mundtot zu machen. — Gewalt entsteht, wo Worte versagen, wenn nicht gesagt und verstanden werden kann, was einem wirklich am Herzen liegt. Es kommt vielmehr darauf an, im gemeinsamen Verstehen weiterzukommen, so daß sich die Diskurse anreichern und ihre Sukzession, also einen tatsächlichen Fortschritt im Verstehen erreichen.

Daher ist es so wichtig, gerade im Konflikt aus einem Dissens heraus wieder zu neuem Einvernehmen zu finden. Erst das macht uns zu mündigen Zeitgenossen, wenn wir auch über die eigene Stellungnahme noch frei verfügen können. — Zu Philosophieren bedeutet, Widersprüche und Ambivalenzen nicht schleunigst aufzulösen, weil sie anstrengend sind. Vielmehr gilt es, das Denken selbst in der Schwebe zu halten. Der Weg ist das Ziel, gerade auch beim Philosophieren.

Es gilt, nicht nur die üblichen Standpunkte zu vertreten, sondern neue und gänzlich unbekannte Perspektiven zu erproben. Daher ist der Positionswechsel von so eminenter Bedeutung. Genau das ist ›Bildung‹, den Standort der Betrachtung wechseln, um eine Stellungnahme ggf. auch aus einer beliebigen anderen Perspektive vornehmen, kommentieren und beurteilen zu können.

Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource. Wir müssen selbst entscheiden, wann wir etwas auf sich beruhen lassen, für welche Themen wir offen sind, und wofür wir uns wirklich brennend interessieren. Die Zunahme an Informationen ist dabei von erheblicher Bedeutung, denn sie führt gegenwärtig ganz offenbar zu Überforderungen. Alles könnte man wissen, aber jedes Wissen ist eigentlich unsicherer denn je.

Nennen-Philosophische-Ambulanz-SS21